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Herbsttag (Herr, es ist Zeit)

Zitatbild mit dem Anfang von Rilkes Gedicht Herbsttag: Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Rilkes „Herbsttag“ gehört zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Sprache. Hier findest du den vollständigen Text, die Entstehung 1902 in Paris, eine Interpretation Strophe für Strophe und was das Gedicht dir heute sagen kann.
„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren laß die Winde los.“

Rilke: „Herbsttag“ – der vollständige Gedichttext

„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Mit diesem Satz beginnt eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Sprache. Rainer Maria Rilkes „Herbsttag“ wird jeden Herbst tausendfach gesucht, zitiert und geteilt. Hier ist der vollständige Text in der Originalschreibweise:

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rilke ist 1926 gestorben, das Gedicht ist deshalb gemeinfrei und darf frei zitiert und geteilt werden.

Wie das Gedicht „Herbsttag“ entstanden ist

Rilke schrieb „Herbsttag“ am 21. September 1902 in Paris, nur zehn Tage nach seinem Gedicht „Herbst (Die Blätter fallen)“. Er war damals 26 Jahre alt, erst seit wenigen Wochen in der Stadt und arbeitete an einem Buch über den Bildhauer Auguste Rodin. Er wohnte in einfachen Zimmern, hatte kaum Geld und fühlte sich in der lauten Großstadt fremd. Seine kleine Tochter Ruth war bei den Großeltern in Deutschland geblieben. In dieser Zeit entstanden mehrere seiner berühmtesten Gedichte, darunter auch „Der Panther“.

„Herbsttag“ erschien in Rilkes Sammlung „Das Buch der Bilder“, in der erweiterten zweiten Ausgabe von 1906. Seitdem steht es in fast jeder Gedichtsammlung und in vielen Schulbüchern.

Herbsttag Interpretation: Was Rilke uns sagen will

Erste Strophe: Herr, es ist Zeit

Das Gedicht beginnt wie ein Gebet. Rilke spricht einen „Herrn“ an und stellt fest: Es ist Zeit. Der Sommer war groß, er war reich und voll, jetzt soll er zu Ende gehen. Der „Herr“ soll seinen Schatten auf die Sonnenuhren legen, denn im Herbst werden die Schatten länger und die Tage kürzer. Und er soll die Winde über die Felder loslassen. Der Ton ist nicht traurig, sondern ruhig und einverstanden. Wer so spricht, hat den Sommer ausgekostet.

Zweite Strophe: Die letzte Süße in den schweren Wein

Bevor der Sommer ganz geht, bittet Rilke um etwas: Die letzten Früchte sollen noch voll werden, zwei „südlichere Tage“ sollen sie zur Vollendung bringen und die letzte Süße in den Wein treiben. Das ist ein Bild für Reife. Nicht alles muss schnell gehen. Manches braucht genau diese letzten warmen Tage, um sich zu vollenden. Die Strophe ist eine Strophe der Fülle und der Ernte.

Dritte Strophe: Wer jetzt allein ist

Dann kippt der Ton. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ Diese Zeilen gehören zu den meistzitierten der deutschen Lyrik. Wer jetzt keinen Ort und keinen Menschen hat, wird den Winter allein verbringen, wachen, lesen, lange Briefe schreiben und unruhig durch die Alleen wandern, während die Blätter treiben. Viele lesen darin Rilke selbst, der in Paris ohne festes Zuhause lebte und sein Leben lang immer wieder umherzog.

So zeigt das Gedicht beide Seiten des Herbstes: die Dankbarkeit für einen großen Sommer und die Einsamkeit, die kommt, wenn die Zeit der Fülle vorbei ist.

Aufbau und Form auf einen Blick

  • Strophen: drei Strophen, die immer länger werden: drei, vier und fünf Verse
  • Versmaß: fünfhebiger Jambus, ein ruhiger, feierlicher Rhythmus
  • Reim: in jeder Strophe ein anderes Reimschema (aba, abba, abbab)
  • Sprechhaltung: die ersten beiden Strophen sind ein Gebet an den „Herrn“, die dritte eine Beobachtung über den Menschen
  • Bewegung: von der Fülle des Sommers über die Reife bis zur Unruhe des Herbstes

Was der „Herbsttag“ dir heute sagen kann

„Der Sommer war sehr groß“ ist ein wunderbarer Satz für jeden Abschluss: das Ende eines Jahres, eines Lebensabschnitts, eines Projekts. Er erinnert daran, erst einmal dankbar zurückzuschauen, bevor man nach vorne blickt. Unser Bild zeigt genau das: einen Mann im Weinberg in der letzten Abendsonne, die reifen Trauben in der Hand, dankbar und ein wenig wehmütig zugleich.

Die dritte Strophe ist eine Einladung, rechtzeitig für sich zu sorgen. Rilke sagt nicht, dass Einsamkeit Schicksal ist. Er sagt: Jetzt ist die Zeit, ein Haus zu bauen und Menschen um sich zu haben, bevor der Winter kommt. Mehr über Rilkes Leben und seine Gedichte findest du auf unserer Seite über Rainer Maria Rilke.

Deine Heldenimpulse

Heldenimpuls 1

Würdige deinen Sommer

Bevor du dich über das ärgerst, was in diesem Jahr nicht geklappt hat, schau auf das, was groß war. Schreib fünf Dinge auf, für die du in den letzten Monaten dankbar bist: Begegnungen, kleine Erfolge, schöne Tage. Lies die Liste laut vor und sag am Ende ganz bewusst: Mein Sommer war groß. Dankbarkeit verändert den Blick auf das, was kommt.

Heldenimpuls 2

Gib dir zwei südlichere Tage

Rilke bittet um zwei warme Tage, damit die Früchte reif werden. Gibt es in deinem Leben etwas, das fast fertig ist und nur noch ein bisschen Zeit und Wärme braucht? Ein Projekt, eine Gewohnheit, ein Gespräch? Plane diese Woche zwei feste Zeitfenster dafür ein und schütze sie wie einen wichtigen Termin. Oft fehlt zur Vollendung nicht viel, nur die bewusste Aufmerksamkeit.

Heldenimpuls 3

Bau dir jetzt dein Haus

„Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ Nimm diesen Satz als Weckruf, nicht als Urteil. Melde dich noch heute bei einem Menschen, der dir wichtig ist, und verabrede dich für die dunklen Monate: ein festes Telefonat pro Woche, ein gemeinsamer Spaziergang, ein Kochabend. Ein „Haus“ sind nicht nur vier Wände, sondern auch die Menschen, bei denen du ankommen kannst.