Rainer Maria Rilke
Wer war Rainer Maria Rilke?
Rainer Maria Rilke ist einer der größten Dichter deutscher Sprache. Seine Gedichte werden auf Hochzeiten und Beerdigungen vorgelesen, stehen auf Geburtstagskarten und in Schulbüchern, und Zeilen wie „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ oder „Du mußt dein Leben ändern“ kennen Menschen, die sonst nie Lyrik lesen. Dabei war sein Leben alles andere als geordnet: ein Junge, den seine Mutter wie ein Mädchen kleidete, ein unglücklicher Kadett, ein ewig Reisender ohne festen Wohnsitz, ein Mann zwischen vielen Frauen und ein Dichter, der zehn Jahre auf die Vollendung seines Hauptwerks wartete.
In diesem Porträt erfährst du, wer Rilke war, woher er kam, welche Frauen sein Leben prägten, wie sein berühmtes Gedicht „Der Panther“ entstand, was hinter den „Duineser Elegien“ steckt, woran er wirklich starb, welche seiner Gedichte du für jeden Anlass verwenden kannst, welche „Rilke-Zitate“ gar nicht von ihm sind und was du von ihm für dein eigenes Leben lernen kannst. Weil Rilkes Werke gemeinfrei sind, findest du hier auch einige seiner schönsten Gedichte im vollen Wortlaut.
| Geburtsname | René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke |
|---|---|
| Geboren | 4. Dezember 1875 in Prag (damals Österreich-Ungarn) |
| Gestorben | 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux (Schweiz), mit 51 Jahren |
| Todesursache | Leukämie |
| Grab | Bergfriedhof Raron im Wallis (Schweiz) |
| Eltern | Josef Rilke, Eisenbahnbeamter, und Sophie „Phia“ Rilke, geb. Entz |
| Ehefrau | Clara Westhoff, Bildhauerin (verheiratet seit 1901) |
| Kind | Tochter Ruth (1901–1972) |
| Beruf | Dichter, Schriftsteller, Übersetzer |
| Epoche | Moderne (Impressionismus, Jugendstil, Symbolismus) |
| Hauptwerke | Das Stunden-Buch, Neue Gedichte, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Duineser Elegien, Die Sonette an Orpheus |
| Berühmte Gedichte | Der Panther, Herbsttag, Herbst, Liebes-Lied, Archaïscher Torso Apollos |
Rilkes Lebenslauf in Stichpunkten
- 1875Geburt am 4. Dezember in Prag als René Rilke
- 1886Eintritt in die Militär-Unterrealschule in St. Pölten
- 1895Abitur (Matura) in Prag, danach Studium in Prag
- 1896Umzug nach München
- 1897Begegnung mit Lou Andreas-Salomé, aus René wird Rainer
- 1899Erste Russlandreise, Begegnung mit Leo Tolstoi
- 1900Zweite Russlandreise, danach Aufenthalt in Worpswede
- 1901Heirat mit der Bildhauerin Clara Westhoff, Geburt der Tochter Ruth
- 1902Umzug nach Paris, Monografie über Auguste Rodin, „Der Panther“ entsteht
- 1905„Das Stunden-Buch“ erscheint, Rilke wird für einige Monate Rodins Sekretär
- 1907„Neue Gedichte“ (1908 folgt der zweite Teil)
- 1910„Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
- 1912Auf Schloss Duino beginnen die „Duineser Elegien“
- 1916Militärdienst in Wien
- 1919Übersiedlung in die Schweiz
- 1921Einzug ins Château de Muzot im Wallis
- 1922Im Februar Vollendung der „Duineser Elegien“ und der „Sonette an Orpheus“
- 1926Tod am 29. Dezember bei Montreux
- 1927Beerdigung am 2. Januar in Raron
Wer war Rainer Maria Rilke?
Rainer Maria Rilke war ein österreichischer Dichter, der in Prag geboren wurde und in ganz Europa zu Hause war: in München, Worpswede, Paris, Rom, Russland, Spanien, an der Adria und zuletzt in der Schweiz. Er schrieb Gedichte, Prosa, unzählige Briefe und übersetzte Werke aus dem Französischen, Englischen und Italienischen. Er gilt als einer der wichtigsten Lyriker der Moderne, und seine Gedichte gehören bis heute zu den meistgelesenen und meistzitierten der deutschen Sprache.
Was Rilke so besonders macht, ist seine Art zu sehen. Er schaute Dinge, Tiere und Menschen so lange und so genau an, bis sie in seinen Gedichten lebendig wurden. Und er stellte die großen Fragen, die uns alle bewegen: Wie soll ich leben? Was ist Liebe? Wie gehe ich mit Einsamkeit, Angst und Tod um? Seine Antworten sind keine Rezepte, sondern Einladungen, selbst genauer hinzuschauen.
Kindheit in Prag: Der Junge, der ein Mädchen sein sollte
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke kam am 4. Dezember 1875 in Prag zur Welt, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Sein Vater Josef war Eisenbahnbeamter und hatte vergeblich von einer Offizierskarriere geträumt. Seine Mutter Sophie, genannt Phia, stammte aus einer wohlhabenden Prager Fabrikantenfamilie und hatte gesellschaftlichen Ehrgeiz.
Ein Jahr vor René hatten die Eltern eine Tochter verloren, die nur eine Woche lebte. Die Mutter übertrug ihre Trauer auf den Sohn: Bis etwa zu seinem sechsten Lebensjahr wurde er wie ein Mädchen erzogen, mit langen Haaren und Kleidern. Alte Fotos zeigen ihn so. 1884 trennten sich die Eltern, ohne sich scheiden zu lassen. Viele Rilke-Forscher sehen in dieser schwierigen Kindheit eine Wurzel für seine lebenslange Empfindsamkeit und seine Suche nach einem inneren Zuhause.
Militärschule, Studium und der neue Name
Der Vater wollte aus dem zarten Jungen einen Offizier machen. 1886 kam René auf die Militär-Unterrealschule in St. Pölten, später auf die Militär-Oberrealschule in Mährisch Weißkirchen. Für das sensible Kind waren diese Jahre eine Qual. Nach etwa sechs Jahren verließ er die Militärschule aus gesundheitlichen Gründen, besuchte kurz eine Handelsakademie in Linz, holte mit Privatunterricht das Abitur nach und begann 1895 in Prag ein Studium der Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie. 1896 zog er nach München.
Dort begegnete er im Mai 1897 der Frau, die sein Leben verändern sollte: der 14 Jahre älteren Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé. Sie war eine der faszinierendsten Frauen ihrer Zeit, hatte Friedrich Nietzsche einen Korb gegeben und sollte später mit Sigmund Freud zusammenarbeiten. Die beiden wurden ein Paar. Auf ihren Rat änderte er seinen Vornamen: Aus dem verspielten René wurde der kraftvollere Rainer. Ihre Liebesbeziehung endete 1900, doch Lou blieb bis zu seinem Tod seine wichtigste Freundin und Ratgeberin.
Russland: die Reise zu Tolstoi
Mit Lou Andreas-Salomé und ihrem Mann reiste Rilke 1899 nach Moskau, wo er Leo Tolstoi traf. 1900 folgte eine zweite, längere Reise durch Russland, bis an die Wolga. Die Weite des Landes, die Frömmigkeit der Menschen und die Ikonen beeindruckten ihn tief. Russland nannte er später eine seiner Heimaten. Aus diesen Erfahrungen wuchs „Das Stunden-Buch“, ein Zyklus von Gebetsgedichten an einen Gott, der nicht fertig ist, sondern mit uns wächst. Daraus stammt eine seiner bekanntesten Strophen:
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Worpswede, Clara Westhoff und Paula Modersohn-Becker
Im Herbst 1900 kam Rilke in die Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen. Dort lernte er zwei junge Künstlerinnen kennen, die eng befreundet waren: die Malerin Paula Becker, die später als Paula Modersohn-Becker berühmt wurde, und die Bildhauerin Clara Westhoff. Am 28. April 1901 heirateten Rilke und Clara Westhoff in Bremen. Am 12. Dezember 1901 kam ihre Tochter Ruth zur Welt.
Ein klassisches Familienleben führten die beiden allerdings nie. Geldsorgen und Rilkes Bedürfnis nach Einsamkeit führten dazu, dass sie schon bald getrennt lebten. Ruth wuchs überwiegend bei ihrer Mutter und den Großeltern auf. Geschieden wurden Rilke und Clara nie, und sie blieben einander bis zuletzt verbunden.
Die Freundschaft mit Paula Modersohn-Becker hielt ebenfalls. Als sie 1907 kurz nach der Geburt ihrer Tochter starb, schrieb Rilke für sie eines seiner bewegendsten Werke, das „Requiem für eine Freundin“.
Paris, Rodin und „Der Panther“
Im Sommer 1902 zog Rilke nach Paris, um eine Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin zu schreiben. Paris war für ihn zunächst ein Schock: laut, arm, voller Krankheit und Elend. Gleichzeitig wurde die Stadt zu seiner wichtigsten Schule. Von Rodin lernte er, dass Kunst nicht auf Inspiration wartet, sondern Handwerk und tägliche Arbeit ist. „Il faut travailler, toujours travailler“, man muss arbeiten, immer arbeiten, soll Rodin ihm geraten haben. 1905 und 1906 war Rilke rund acht Monate lang Rodins Sekretär, bis der Bildhauer ihn im Mai 1906 abrupt entließ.
Der Überlieferung nach riet Rodin ihm auch, ins Pariser Tiergehege zu gehen und ein Tier so lange anzuschauen, bis er es wirklich sieht. Im Jardin des Plantes beobachtete Rilke einen Panther hinter Gitterstäben. So entstand 1902 oder 1903 das vielleicht berühmteste deutsche Gedicht des 20. Jahrhunderts:
Der Panther
Im Jardin des Plantes, ParisSein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
„Der Panther“ ist ein sogenanntes Dinggedicht: Rilke beschreibt nicht seine eigenen Gefühle, sondern versenkt sich so tief in ein Wesen, dass es von innen heraus zu sprechen scheint. Das Gedicht erschien zuerst 1903 in einer Prager Zeitschrift und dann in den „Neuen Gedichten“. Viele Leser erkennen darin auch sich selbst: das Gefühl, gefangen zu sein, im Kreis zu laufen und die Welt nicht mehr wirklich wahrzunehmen.
Herbsttag und Herbst: Rilkes berühmte Herbstgedichte
Kaum ein Dichter wird im Herbst so oft zitiert wie Rilke. Sein Gedicht „Herbsttag“ schrieb er im Herbst 1902 in Paris, es steht in seinem „Buch der Bilder“. In nur drei Strophen spannt es den Bogen von der Fülle des Sommers zur Einsamkeit des Herbstes:
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Nicht weniger berühmt ist das Gedicht „Herbst“, das mit den fallenden Blättern beginnt und mit einem der tröstlichsten Bilder der deutschen Lyrik endet:
Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
„Neue Gedichte“ und „Du mußt dein Leben ändern“
1907 erschienen die „Neuen Gedichte“, 1908 folgte „Der neuen Gedichte anderer Teil“. Mit diesen Bänden fand Rilke seinen eigenen, unverwechselbaren Ton. Statt schwärmerischer Gefühle stehen hier genaue Beobachtungen: ein Karussell im Jardin du Luxembourg, eine blaue Hortensie, ein Schwan, Flamingos, eine römische Fontäne.
Der zweite Band beginnt mit dem Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“. Rilke beschreibt darin eine antike Statue ohne Kopf, die ihn trotzdem ansieht, so intensiv, dass es am Ende keinen Ort mehr gibt, an dem man sich vor ihrem Blick verstecken kann. Das Gedicht endet mit vier Worten, die bis heute wie ein Weckruf wirken: „Du mußt dein Leben ändern.“
Der Philosoph Peter Sloterdijk hat 2009 ein ganzes Buch nach dieser Zeile benannt. Gemeint ist kein Selbstoptimierungs-Befehl, sondern die Erfahrung, dass echte Begegnung mit etwas Großem, einem Kunstwerk, einem Menschen, einer Erkenntnis, uns verwandelt.
„Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
1910 erschien Rilkes einziger Roman. Er erzählt in tagebuchartigen Aufzeichnungen von einem jungen dänischen Dichter, der verarmt in Paris lebt und mit Angst, Einsamkeit, Krankheit und Tod ringt. Der Roman beginnt mit dem berühmten Satz: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“
„Malte“ hat keine klassische Handlung, sondern besteht aus Bruchstücken von Erinnerungen, Beobachtungen und Gedanken. Damit gilt er als einer der ersten modernen Romane deutscher Sprache. Viele Erfahrungen Maltes sind Rilkes eigene aus seinen ersten Pariser Jahren.
Schloss Duino und die „Duineser Elegien“
Von Oktober 1911 bis Mai 1912 lebte Rilke als Gast der Fürstin Marie von Thurn und Taxis auf Schloss Duino an der Adria bei Triest. Der Legende nach hörte er dort im Januar 1912 bei einem Spaziergang an den Klippen im Sturm eine Stimme, die ihm die ersten Zeilen zurief: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ So begannen die „Duineser Elegien“, zehn lange Gedichte über die großen Fragen des menschlichen Daseins.
Doch dann stockte die Arbeit, auch weil der Erste Weltkrieg Rilkes Leben durcheinanderwarf. Zehn Jahre lang wartete er auf die Vollendung. Erst im Februar 1922, im Château de Muzot im Wallis, brach es in einem regelrechten Schaffensrausch aus ihm heraus: Innerhalb weniger Wochen vollendete er die Elegien und schrieb nebenbei noch die 55 „Sonette an Orpheus“. Beide Werke erschienen 1923 und gelten als Gipfel seines Schaffens.
Der Erste Weltkrieg und der Weg in die Schweiz
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs überraschte Rilke in Deutschland. Er konnte nicht nach Paris zurück, seine Habe dort wurde beschlagnahmt und versteigert, darunter Bücher und Briefe. Die Kriegsjahre verbrachte er überwiegend in München. Anfang 1916 wurde er zum österreichischen Militär eingezogen und in Wien eingesetzt, unter anderem im Kriegsarchiv. Im Juni 1916 wurde er auf Fürsprache einflussreicher Freunde wieder entlassen. Für den sensiblen Dichter war der Krieg eine lähmende Erfahrung.
Am 11. Juni 1919 reiste Rilke zu einer Lesung in die Schweiz, und er blieb für den Rest seines Lebens. Im Sommer 1921 fand er im Château de Muzot, einem kleinen mittelalterlichen Turm oberhalb von Siders im Wallis, endlich einen Ort der Ruhe. Der Winterthurer Mäzen Werner Reinhart kaufte das Gebäude und überließ es ihm mietfrei.
„Briefe an einen jungen Dichter“: Rilke als Lebensratgeber
Eines von Rilkes meistgelesenen Büchern ist eigentlich gar kein Buch, sondern eine Sammlung von zehn Briefen. Zwischen 1903 und 1908 schrieb er sie an den jungen Offiziersschüler Franz Xaver Kappus, der ihm seine Gedichte geschickt und um Rat gebeten hatte. Kappus veröffentlichte die Briefe 1929, drei Jahre nach Rilkes Tod.
Rilke beurteilt darin kaum Gedichte, sondern gibt Ratschläge für das ganze Leben: über Einsamkeit, Liebe, Sexualität, Traurigkeit und die Frage, ob man Künstler werden soll. Sein wichtigster Rat: Geh in dich und frag dich, ob du schreiben musst. Und sei geduldig mit allem, was in dir noch ungelöst ist:
Weiter heißt es dort sinngemäß: Leben Sie jetzt die Fragen, vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein. Für viele Leser ist dieses schmale Bändchen ein Begleiter für Lebenskrisen geworden.
Rilke und die Liebe: die Frauen in seinem Leben
Rilke hatte zeitlebens viele intensive Beziehungen zu Frauen, oft geführt in langen Briefwechseln. Neben Lou Andreas-Salomé und seiner Frau Clara Westhoff gehörten dazu die Malerin Lou Albert-Lasard, mit der er von 1914 bis 1916 zusammen war, die Malerin Baladine Klossowska, genannt Merline, die ihm half, Muzot einzurichten, und die böhmische Baronin Sidonie Nádherná von Borutín, mit der ihn eine lebenslange Brieffreundschaft verband. Wichtige Förderinnen waren außerdem Marie von Thurn und Taxis und die Zürcher Mäzenin Nanny Wunderly-Volkart.
Rilke war ein schwieriger Partner. Er sehnte sich nach Nähe und floh zugleich vor ihr, weil er Einsamkeit für seine Arbeit brauchte. In seinen Gedichten aber hat er die Liebe so zart beschrieben wie kaum ein anderer. Sein „Liebes-Lied“ gehört zu den schönsten deutschen Liebesgedichten:
Liebes-Lied
Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.
Ruth Sieber-Rilke: Rilkes Tochter
Rilkes einziges Kind, Ruth, wurde am 12. Dezember 1901 geboren. Sie wuchs vor allem bei ihrer Mutter Clara auf und sah ihren Vater nur selten. 1922 heiratete sie Carl Sieber und nannte sich fortan Ruth Sieber-Rilke. Nach dem Tod ihres Vaters verwaltete sie gemeinsam mit ihrem Mann seinen Nachlass und kümmerte sich um die Herausgabe seiner Briefe und Werke. Ruth Sieber-Rilke starb 1972.
Rilkes Tod: Leukämie und die Legende vom Rosendorn
Ab 1923 war Rilke immer häufiger krank und verbrachte lange Zeiten in Sanatorien. Erst kurz vor seinem Tod stellten die Ärzte eine damals noch wenig bekannte Form der Leukämie fest. Rainer Maria Rilke starb am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont oberhalb von Montreux. Er wurde nur 51 Jahre alt.
Bis heute erzählt man sich, Rilke sei an einem Rosendorn gestorben: Er habe sich beim Pflücken von Rosen für eine Besucherin gestochen, die Wunde habe sich entzündet und ihn getötet. Diese Geschichte ist eine schöne Legende, aber nicht die Todesursache. Gestorben ist er an Leukämie. Wahr ist allerdings, dass Rosen ihn sein Leben lang begleiteten und in seinem Werk eine große Rolle spielen.
Am 2. Januar 1927 wurde Rilke, wie er es sich gewünscht hatte, an der Mauer der Bergkirche von Raron im Wallis beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht ein Spruch, den er selbst verfasst hatte:
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.
Die Lider der Rose sind ihre Blütenblätter, die wie geschlossene Augen übereinanderliegen. Was der rätselhafte Spruch genau bedeutet, darüber streiten Literaturwissenschaftler bis heute. Vielleicht ist genau das sein Reiz.
Rilkes Epoche: zwischen Jugendstil und Moderne
Rilke lässt sich keiner einzelnen Epoche zuordnen. Seine frühen Gedichte sind vom Impressionismus und Jugendstil geprägt, etwa „Das Buch der Bilder“ und „Das Stunden-Buch“. In den „Neuen Gedichten“ findet er zum Symbolismus und zu seinen berühmten Dinggedichten. Die „Duineser Elegien“ und die „Sonette an Orpheus“ gehören zu den Höhepunkten der literarischen Moderne. Beeinflusst wurde er unter anderem von Rodin, von der Malerei Paul Cézannes, von Russland und von der französischen Dichtung, die er auch übersetzte.
Rilke-Gedichte für jeden Anlass
Zum Advent: Rilke schrieb 1898 ein stimmungsvolles Gedicht mit dem Titel „Advent“. Es beginnt so: „Es treibt der Wind im Winterwalde / die Flockenherde wie ein Hirt, / und manche Tanne ahnt, wie balde / sie fromm und lichterheilig wird.“
Für Lebensfreude und zum Geburtstag: Aus seinem frühen Band „Mir zur Feier“ stammt ein Gedicht, das wunderbar in jede Geburtstagskarte passt: „Du musst das Leben nicht verstehen, / dann wird es werden wie ein Fest. / Und laß dir jeden Tag geschehen / so wie ein Kind im Weitergehen / von jedem Wehen / sich viele Blüten schenken läßt.“
Zur Hochzeit und für die Liebe: Das „Liebes-Lied“ mit dem Bild von zwei Saiten, aus denen ein Bogenstrich eine einzige Stimme zieht.
Zum Abschied und in der Trauer: Das Gedicht „Herbst“ mit seiner tröstlichen letzten Strophe, oder das kurze „Schlußstück“ aus dem „Buch der Bilder“: „Der Tod ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir uns mitten im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns.“
Für einen Neuanfang: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ aus dem „Stunden-Buch“ oder der Weckruf „Du mußt dein Leben ändern“.
Echte und falsche Rilke-Zitate
Weil Rilke so beliebt ist, wird ihm vieles zugeschrieben, was er nie geschrieben hat. Hier sind die bekanntesten Fälle.
„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume …“: Dieser Text wird auf Traueranzeigen und Trauerkarten sehr oft mit Rilkes Namen versehen. In seinen Werken und Briefen lässt er sich jedoch nicht nachweisen. Der Verfasser ist unbekannt.
Die Geschichte von den vier Kerzen: Die beliebte Adventsgeschichte, in der vier Kerzen Frieden, Glauben, Liebe und Hoffnung darstellen und nacheinander verlöschen, bis nur die Hoffnung die anderen wieder anzündet, wird im Netz oft als „Rilke-Gedicht“ geteilt. Sie stammt nicht von Rilke. Der Verfasser ist unbekannt.
„Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“: Dieser Satz geht auf einen mittelalterlichen lateinischen Gesang zurück („Media vita in morte sumus“), den Martin Luther 1524 als Kirchenlied „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ übertrug. Rilke hat den Gedanken in seinem „Schlußstück“ aufgegriffen und umgedreht: Bei ihm ist es der Tod, der „mitten in uns“ weint. Der Satz selbst ist also nicht von Rilke.
Echt sind dagegen alle Gedichte und Zitate, die du in diesem Porträt im Wortlaut findest. Sie stammen aus Rilkes veröffentlichten Werken und Briefen.
Bücher über und von Rainer Maria Rilke
Wer Rilke kennenlernen möchte, beginnt am besten mit einer Auswahl seiner Gedichte oder gleich mit einer Gesamtausgabe, die es in mehreren günstigen Ausgaben gibt. Für Lebensfragen sind die „Briefe an einen jungen Dichter“ ideal. Wer es anspruchsvoll mag, wagt sich an die „Duineser Elegien“ oder an den Roman „Malte Laurids Brigge“.
Bücher von und über Rainer Maria Rilke
Was du von Rainer Maria Rilke lernen kannst
1. Schau genauer hin. Rilke hat stundenlang einen Panther beobachtet, bis er ihn wirklich gesehen hat. Wann hast du zuletzt einen Baum, einen Menschen oder einen Moment wirklich angeschaut, ohne gleich weiterzuscrollen?
2. Arbeite, auch ohne Inspiration. Von Rodin lernte Rilke, dass Kunst tägliche Arbeit ist. Große Dinge entstehen nicht, weil man auf den perfekten Moment wartet, sondern weil man jeden Tag ein Stück weitermacht.
3. Hab Geduld mit dem Ungelösten. Nicht jede Frage braucht sofort eine Antwort. Manchmal lebst du dich, wie Rilke schreibt, langsam in die Antwort hinein.
4. Einsamkeit kann eine Kraftquelle sein. Rilke suchte die Stille bewusst, weil er dort zu sich fand. Auch dir kann ein Abend ohne Ablenkung mehr geben als ein voller Kalender.
5. Gib nicht auf, wenn etwas stockt. Zehn Jahre wartete Rilke auf die Vollendung seiner Elegien. Dann kamen sie in wenigen Wochen. Dranbleiben lohnt sich.
Warum Rainer Maria Rilke ein echter Motivationsheld ist
Rilke war kein Held im klassischen Sinn. Er war empfindlich, oft krank, häufig pleite und ständig unterwegs. Aber er hat sein Leben konsequent einer Sache gewidmet, an die er geglaubt hat, auch als es niemand verlangte und kaum jemand bezahlte. Er hat sich von einer schwierigen Kindheit, einer verhassten Militärschule und einem Weltkrieg nicht davon abbringen lassen, seinen eigenen Weg zu gehen.
Und er hat Worte gefunden für das, was in uns allen vorgeht, wenn wir lieben, trauern, zweifeln oder neu anfangen. Mehr als hundert Jahre später trösten, ermutigen und berühren seine Gedichte immer noch Millionen Menschen. Vielleicht ist das seine schönste Botschaft an dich: Du musst nicht alles verstehen. Du musst nicht sofort alle Antworten haben. Aber du darfst wachsen, Ring um Ring, ein Leben lang. Und manchmal, wenn dich etwas wirklich berührt, hörst du diesen einen Satz:








