Leo Tolstoi
Wer war Leo Tolstoi?
Leo Tolstoi schrieb zwei der berühmtesten Romane der Weltliteratur: „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“. Doch der russische Graf war weit mehr als ein Schriftsteller. Mitten im Ruhm stürzte er in eine tiefe Sinnkrise, verschenkte seine Rechte, wurde Vegetarier, Pazifist und Kritiker von Staat und Kirche und inspirierte damit sogar Mahatma Gandhi. Mit 82 Jahren floh er heimlich aus seinem Haus und starb wenige Tage später auf einem kleinen Bahnhof.
In diesem Porträt erfährst du, wer Leo Tolstoi war, worum es in „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ geht, welche Verfilmungen sich lohnen, was der berühmte erste Satz bedeutet, wie seine Ehe mit Sofja aussah, warum er Gandhi beeinflusste, warum er nie den Nobelpreis bekam, wie er starb und was du von ihm für dein eigenes Leben lernen kannst.
| Name | Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi, im Deutschen meist Leo Tolstoi |
|---|---|
| Geboren | 9. September 1828 auf dem Gut Jasnaja Poljana bei Tula, Russland |
| Gestorben | 20. November 1910 im Bahnhof Astapowo, mit 82 Jahren |
| Todesursache | Lungenentzündung |
| Eltern | Graf Nikolai Iljitsch Tolstoi und Maria Nikolajewna Wolkonskaja |
| Ehefrau | Sofja Andrejewna Tolstaja, geborene Behrs (Heirat 1862) |
| Kinder | 13, von denen acht das Kindesalter überlebten |
| Studium | Orientalische Sprachen und Jura an der Universität Kasan, ohne Abschluss |
| Beruf | Schriftsteller, Philosoph, Sozialreformer |
| Hauptwerke | Krieg und Frieden, Anna Karenina, Der Tod des Iwan Iljitsch, Auferstehung |
| Überzeugungen | Gewaltlosigkeit, christlicher Anarchismus, Vegetarismus |
Leo Tolstois Lebenslauf in Stichpunkten
- 1828Geburt am 9. September in Jasnaja Poljana
- 1830Tod der Mutter, der Vater stirbt 1837
- 1844–1847Studium in Kasan, Abbruch ohne Abschluss
- 1851Eintritt in die Armee im Kaukasus
- 1852Sein erstes Werk „Kindheit“ erscheint
- 1854–1855Teilnahme am Krimkrieg in Sewastopol, „Sewastopoler Erzählungen“
- 1862Heirat mit der 18-jährigen Sofja Behrs
- 1865–1869„Krieg und Frieden“ erscheint
- 1875–1877„Anna Karenina“ erscheint in Fortsetzungen
- 1879–1882Sinnkrise, „Meine Beichte“
- 1886„Der Tod des Iwan Iljitsch“
- 1899Roman „Auferstehung“
- 1901Ausschluss aus der russisch-orthodoxen Kirche
- 1910Flucht aus Jasnaja Poljana, Tod am 20. November in Astapowo
Wer war Leo Tolstoi?
Leo Tolstoi war ein russischer Schriftsteller aus altem Adel und gilt als einer der größten Romanautoren aller Zeiten. Seine Werke zeichnen sich durch eine enorme Menschenkenntnis aus: Er beschreibt Gefühle, Gedanken und Widersprüche seiner Figuren so genau, dass sie bis heute lebendig wirken.
Gleichzeitig war Tolstoi ein Suchender. Er fragte sein Leben lang, wie man richtig lebt, und zog daraus radikale Konsequenzen. Der reiche Graf kleidete sich wie ein Bauer, arbeitete auf dem Feld, schusterte seine eigenen Stiefel und wollte am Ende sogar auf sein Vermögen verzichten. Das brachte ihn in schwere Konflikte mit seiner Familie, machte ihn aber auch zu einer moralischen Instanz in ganz Europa.
Vorname, Herkunft und Studium
Sein russischer Vorname lautet Lew, was „Löwe“ bedeutet. Im Deutschen wurde daraus Leo. Tolstoi stammte aus einer Grafenfamilie und wuchs auf dem Gut Jasnaja Poljana südlich von Moskau auf. Seine Mutter starb, als er noch keine zwei Jahre alt war, sein Vater einige Jahre später. Verwandte zogen ihn und seine Geschwister groß.
1844 begann er in Kasan zunächst orientalische Sprachen, dann Jura zu studieren. Er langweilte sich jedoch, führte ein ausschweifendes Leben mit Glücksspiel und Schulden und verließ die Universität 1847 ohne Abschluss. Wenige Jahre später ging er zur Armee in den Kaukasus und kämpfte im Krimkrieg. Seine Erlebnisse in Sewastopol verarbeitete er in Erzählungen, die ihn in Russland berühmt machten.
„Krieg und Frieden“: Worum geht es?
„Krieg und Frieden“ erschien zwischen 1865 und 1869 und gilt vielen als größter Roman, der je geschrieben wurde. Je nach Ausgabe umfasst er rund 1.500 bis 2.000 Seiten und über 500 Figuren. Die Handlung spielt in Russland zur Zeit der Kriege gegen Napoleon von 1805 bis 1812 und endet mit einem Nachwort einige Jahre später.
Im Mittelpunkt stehen drei Adelsfamilien: die Rostows, die Bolkonskis und die Besuchows. Die wichtigsten Figuren sind der grüblerische Pierre Besuchow, der ehrgeizige Fürst Andrei Bolkonski und die lebenshungrige Natascha Rostowa. Ihre Liebes- und Lebensgeschichten verwebt Tolstoi mit den großen historischen Ereignissen, etwa der Schlacht von Borodino und dem Brand Moskaus. Auch historische Personen wie Napoleon und der russische Feldherr Kutusow treten auf.
Zwischen den Kapiteln denkt Tolstoi über Geschichte nach: Er bezweifelt, dass große Männer wie Napoleon die Geschichte lenken, und sieht sie eher als Ergebnis unzähliger kleiner Entscheidungen gewöhnlicher Menschen. Seine Frau Sofja schrieb das riesige Manuskript übrigens mehrfach von Hand ab.
Die besten Verfilmungen von „Krieg und Frieden“
Der Roman wurde viele Male verfilmt. Die bekanntesten Fassungen sind:
- 1956: die Hollywood-Verfilmung von King Vidor mit Audrey Hepburn als Natascha und Henry Fonda als Pierre.
- 1965–1967: das sowjetische Monumentalwerk von Sergei Bondartschuk in vier Teilen, mit gigantischen Schlachtszenen. Es gewann den Oscar als bester fremdsprachiger Film und gilt vielen als beste Verfilmung.
- 2007: eine internationale Fernsehserie, unter anderem mit deutscher Beteiligung.
- 2016: die BBC-Serie mit Lily James als Natascha und Paul Dano als Pierre, ein guter moderner Einstieg in sechs Folgen.
„Anna Karenina“ und der berühmteste erste Satz der Literatur
„Anna Karenina“ erschien zunächst von 1875 bis 1877 in Fortsetzungen. Der Roman beginnt mit einem der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur. Sinngemäß lautet er: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich.
Die Hauptfigur Anna ist mit dem hohen Beamten Karenin verheiratet und verliebt sich leidenschaftlich in den jungen Offizier Wronski. Sie bricht mit den Regeln der Moskauer und Petersburger Gesellschaft, verliert dadurch ihren Sohn und ihren gesellschaftlichen Platz und zerbricht schließlich daran. Parallel erzählt Tolstoi die Geschichte von Konstantin Lewin und Kitty, die auf dem Land nach einem sinnvollen, ehrlichen Leben suchen. In Lewin steckt viel von Tolstoi selbst.
Übrigens: Wer im Kreuzworträtsel nach der „Titelfigur bei Tolstoi“ gesucht wird, liegt mit „Anna“ fast immer richtig.
Das Anna-Karenina-Prinzip
Der erste Satz des Romans hat sogar einem wissenschaftlichen Prinzip seinen Namen gegeben. Der Biologe und Autor Jared Diamond beschrieb damit eine Beobachtung: Damit etwas gelingt, müssen viele Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein. Scheitern kann es dagegen an jeder einzelnen davon. Erfolgreiche Dinge ähneln sich deshalb, gescheiterte scheitern auf ganz unterschiedliche Weise, genau wie Tolstois Familien.
Verfilmungen von „Anna Karenina“
Auch „Anna Karenina“ wurde unzählige Male verfilmt, unter anderem 1935 mit Greta Garbo, 1948 mit Vivien Leigh, 1997 mit Sophie Marceau und Sean Bean und 2012 in der bildgewaltigen Fassung von Joe Wright mit Keira Knightley als Anna und Jude Law als Karenin. Der Film von 2012 gewann den Oscar für die besten Kostüme und ist für viele heute der bekannteste Zugang zur Geschichte.
Weitere Werke: von Iwan Iljitsch bis Hadschi Murat
Neben den beiden großen Romanen hat Tolstoi viele weitere bedeutende Werke geschrieben:
- Der Tod des Iwan Iljitsch (1886): Ein Beamter erkennt im Sterben, dass er sein Leben an Äußerlichkeiten verschwendet hat. Eine der eindringlichsten Erzählungen über den Tod.
- Die Kreutzersonate (1889): eine provokante Erzählung über Ehe, Eifersucht und Sexualität, die in Russland zeitweise verboten war.
- Auferstehung (1899): sein dritter großer Roman über Schuld und moralische Erneuerung.
- Wieviel Erde braucht der Mensch? (1886): eine Parabel über Gier, an deren Ende die Antwort steht, dass der Mensch nur so viel Erde braucht, wie für sein Grab nötig ist.
- Herr und Knecht, Hadschi Murat, Der Schneesturm, Familienglück und viele Volkserzählungen wie die Geschichte vom Schuster Martin, besser bekannt als „Wo die Liebe ist, da ist auch Gott“, die oft zu Weihnachten gelesen wird.
- Meine Beichte und Was ist Kunst?: philosophische Schriften, in denen er seine Sinnkrise und sein Verständnis von Kunst beschreibt.
Tolstois Sinnkrise und sein neuer Glaube
Ende der 1870er-Jahre hatte Tolstoi alles: Ruhm, Reichtum, eine große Familie. Trotzdem stürzte er in eine so tiefe Krise, dass er an Selbstmord dachte, wie er in „Meine Beichte“ offen schreibt. Er fand schließlich einen Ausweg in einem einfachen, an der Bergpredigt orientierten Christentum ohne Kirche, Dogmen und Rituale. Für ihn zählten Nächstenliebe, Gewaltlosigkeit und ein einfaches Leben.
Er lehnte den Staat, die Armee und das Privateigentum ab, wurde Vegetarier und schrieb gegen die Schlachthöfe. Die russisch-orthodoxe Kirche schloss ihn 1901 aus. Seine Anhänger, die „Tolstojaner“, gründeten Gemeinschaften in mehreren Ländern.
Tolstoi und Gandhi
Besonders folgenreich war Tolstois Einfluss auf Mahatma Gandhi. Gandhi las in Südafrika Tolstois Buch „Das Reich Gottes ist in euch“ und war tief beeindruckt von dessen Lehre der Gewaltlosigkeit. 1908 schrieb Tolstoi seinen „Brief an einen Hindu“, in dem er die Inder zum gewaltlosen Widerstand gegen die britische Herrschaft aufrief. Gandhi ließ den Brief verbreiten, und die beiden standen bis zu Tolstois Tod in Briefkontakt. Gandhi nannte eine seiner Siedlungen in Südafrika sogar „Tolstoi-Farm“.
Ehe mit Sofja: Liebe, Kinder und bitterer Streit
1862 heiratete der 34-jährige Tolstoi die 18-jährige Sofja Behrs. Vor der Hochzeit gab er ihr seine Tagebücher zu lesen, in denen er offen über seine früheren Affären schrieb, was sie zutiefst erschütterte. Trotzdem wurde Sofja seine wichtigste Mitarbeiterin: Sie schrieb seine Manuskripte ab, verwaltete das Gut und brachte 13 Kinder zur Welt.
Mit Tolstois religiöser Wende begann eine immer tiefere Entfremdung. Er wollte auf Besitz und Urheberrechte verzichten, sie wollte die Familie absichern. Die letzten Jahre der Ehe waren von Misstrauen, Eifersucht und heftigen Szenen geprägt, die beide in ihren Tagebüchern festhielten.
Flucht und Tod im Bahnhof Astapowo
In der Nacht zum 10. November 1910 (nach heutigem Kalender) verließ der 82-jährige Tolstoi heimlich Jasnaja Poljana, um seine letzten Tage in Einfachheit zu verbringen. Unterwegs erkrankte er im Zug an einer Lungenentzündung und musste im kleinen Bahnhof Astapowo aussteigen. Reporter aus aller Welt reisten an. Am 20. November starb er im Haus des Bahnhofsvorstehers. Er wurde in Jasnaja Poljana unter einem schlichten Erdhügel ohne Kreuz und ohne Grabstein beerdigt. Das Gut ist heute ein Museum.
Warum bekam Tolstoi nie den Nobelpreis?
Tolstoi wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis und auch für den Friedensnobelpreis nominiert. Als der erste Literaturnobelpreis 1901 an den französischen Dichter Sully Prudhomme ging, protestierten zahlreiche schwedische Schriftsteller. Tolstoi selbst ließ 1906 wissen, dass er den Preis nicht annehmen wolle, weil ihm das Geld nur Probleme bereiten würde. Er bekam ihn nie.
Tolstoi oder Dostojewski?
Tolstoi und Fjodor Dostojewski sind die beiden Giganten der russischen Literatur und lebten zur selben Zeit. Persönlich getroffen haben sie sich nie, obwohl sie sich gegenseitig schätzten. Während Dostojewski die Abgründe der menschlichen Seele erkundet, malt Tolstoi breite Panoramen des Lebens. Welcher der Größere ist, darüber streiten Leser seit über hundert Jahren.
Echte und falsche Tolstoi-Zitate
Ein Satz, der Tolstoi gern zugeschrieben wird, lautet: „Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen.“ Er stammt aber nicht von Tolstoi, sondern sinngemäß von Friedrich Nietzsche. Echt ist dagegen der Gedanke aus einem Aufsatz von 1900, dass alle die Welt verändern wollen, aber niemand daran denkt, sich selbst zu verändern. Und natürlich der erste Satz von „Anna Karenina“.
Bücher und Filme von Leo Tolstoi
Was du von Leo Tolstoi lernen kannst
- Erfolg macht nicht automatisch glücklich. Tolstoi hatte alles und war trotzdem verzweifelt. Frag dich, was dein Leben wirklich mit Sinn füllt.
- Veränderung beginnt bei dir. Statt die Welt zu kritisieren, änderte Tolstoi zuerst sein eigenes Leben, manchmal radikal.
- Gier macht unglücklich. Seine Parabel „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ erinnert daran, dass mehr nicht immer besser ist.
- Große Werke brauchen Ausdauer. An „Krieg und Frieden“ arbeitete Tolstoi jahrelang und schrieb ganze Teile mehrfach um.
- Vorbilder haben Schatten. Tolstoi predigte Liebe und machte seiner Familie das Leben schwer. Niemand ist perfekt, auch die Großen nicht.
Warum Leo Tolstoi ein echter Motivationsheld ist
Tolstoi zeigt, dass man nie zu alt ist, um sein Leben zu hinterfragen und neu anzufangen. Er hätte sich auf seinem Ruhm ausruhen können. Stattdessen stellte er mit über 50 Jahren alles infrage und suchte nach einem ehrlicheren Leben. Seine Romane schenken uns bis heute tiefe Einsichten in das Menschsein, und seine Ideen zur Gewaltlosigkeit haben über Gandhi und Martin Luther King die Welt verändert.






