Erich Fromm
Wer war Erich Fromm?
Erich Fromm gehört zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Der Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und Philosoph schrieb mit „Die Kunst des Liebens“ und „Haben oder Sein“ zwei Bücher, die Millionen Menschen zum Nachdenken über ihr Leben gebracht haben. Seine Kernfrage ist heute aktueller denn je: Wie können wir in einer Gesellschaft, die auf Konsum und Besitz ausgerichtet ist, wirklich lebendig sein und lieben?
In diesem Porträt erfährst du, wer Erich Fromm war, wie sein Leben zwischen Frankfurt, New York, Mexiko und dem Tessin verlief, was hinter seinen wichtigsten Büchern steckt, was er unter Liebe und unter den Existenzweisen Haben und Sein verstand und was du von ihm für deinen Alltag lernen kannst.
| Vollständiger Name | Erich Seligmann Fromm |
|---|---|
| Geboren | 23. März 1900 in Frankfurt am Main |
| Gestorben | 18. März 1980 in Muralto (Tessin, Schweiz), fünf Tage vor seinem 80. Geburtstag |
| Todesursache | Herzinfarkt |
| Herkunft | orthodox-jüdische Familie |
| Beruf | Psychoanalytiker, Sozialpsychologe, Philosoph, Autor |
| Wichtigste Werke | Die Furcht vor der Freiheit (1941), Die Kunst des Liebens (1956), Haben oder Sein (1976) |
| Ehefrauen | Frieda Reichmann, Henny Gurland, Annis Freeman |
| Kinder | keine eigenen Kinder |
| Wohnorte | Deutschland, USA, Mexiko, Schweiz |
Erich Fromms Lebenslauf in Stichpunkten
- 1900Geburt am 23. März in Frankfurt am Main
- 1922Promotion in Soziologie an der Universität Heidelberg
- 1926Heirat mit der Psychoanalytikerin Frieda Reichmann
- 1930Mitarbeit am Institut für Sozialforschung in Frankfurt
- 1934Emigration in die USA
- 1941„Die Furcht vor der Freiheit“ erscheint
- 1944Heirat mit Henny Gurland
- 1950Umzug nach Mexiko-Stadt, Professur an der Nationaluniversität UNAM
- 1953Heirat mit Annis Freeman
- 1956„Die Kunst des Liebens“ erscheint und wird zum Weltbestseller
- 1974Umzug nach Muralto im Tessin
- 1976„Haben oder Sein“ erscheint
- 1980Tod am 18. März in Muralto
Wer war Erich Fromm?
Erich Fromm war ein deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker und Sozialphilosoph. Er verband die Psychoanalyse von Sigmund Freud mit den Gesellschaftstheorien von Karl Marx und mit Einsichten aus Religion und Philosophie. Ihn interessierte nicht nur, was in einem einzelnen Menschen vorgeht, sondern wie die Gesellschaft unser Denken, Fühlen und Handeln prägt. Sein Ziel war ein Leben in Freiheit, Liebe und Vernunft, für den Einzelnen wie für die ganze Gesellschaft.
Anders als viele Wissenschaftler schrieb Fromm so, dass auch Laien ihn verstehen. Deshalb wurden seine Bücher Bestseller und werden bis heute in Schulen, Universitäten und von Menschen gelesen, die einfach besser leben wollen.
Kindheit und Jugend in Frankfurt
Fromm wuchs als einziges Kind in einer orthodox-jüdischen Familie in Frankfurt auf. Sein Vater war Weinhändler, viele Vorfahren waren Rabbiner. Als Jugendlicher studierte Fromm intensiv den Talmud und die hebräische Bibel. Der Erste Weltkrieg erschütterte ihn tief: Er fragte sich, wie Menschen, die eben noch friedlich nebeneinander lebten, plötzlich voller Hass aufeinander losgehen konnten. Diese Frage ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los. Später löste er sich von der religiösen Praxis, die Werte der jüdischen Tradition prägten sein Denken aber weiterhin.
Studium, Psychoanalyse und Frankfurter Schule
Fromm studierte in Frankfurt und Heidelberg und promovierte 1922 bei dem Soziologen Alfred Weber, dem Bruder von Max Weber. Danach ließ er sich zum Psychoanalytiker ausbilden. 1926 heiratete er die rund zehn Jahre ältere Psychoanalytikerin Frieda Reichmann, die Ehe hielt aber nur wenige Jahre. Ab 1930 arbeitete er am Frankfurter Institut für Sozialforschung, dem Kern der späteren „Frankfurter Schule“ um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Mit ihnen überwarf er sich später, unter anderem weil er Freuds Triebtheorie kritisierte.
Emigration in die USA
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Fromm 1934 in die USA. In New York arbeitete er als Psychoanalytiker und lehrte an mehreren Universitäten. 1941 erschien „Die Furcht vor der Freiheit“, in dem er erklärte, warum viele Menschen ihre Freiheit freiwillig aufgeben und sich autoritären Führern unterwerfen. Das Buch gilt bis heute als Schlüsselwerk zum Verständnis des Nationalsozialismus.
Mexiko und die Schweiz
1950 zog Fromm mit seiner zweiten Frau Henny Gurland nach Mexiko, weil das dortige Klima ihr bei ihrer Krankheit helfen sollte. Henny starb 1952. Fromm blieb in Mexiko, lehrte an der Nationaluniversität UNAM und gründete das Mexikanische Institut für Psychoanalyse. 1953 heiratete er die Amerikanerin Annis Freeman, mit der er bis zu seinem Tod zusammenblieb. Ab 1974 lebte das Paar dauerhaft in Muralto am Lago Maggiore, wo Fromm 1980 an einem Herzinfarkt starb.
„Die Kunst des Liebens“: Liebe ist eine Fähigkeit
1956 erschien „Die Kunst des Liebens“, Fromms erfolgreichstes Buch. Seine zentrale These: Liebe ist kein Gefühl, in das man zufällig „hineinfällt“, sondern eine Kunst, die man lernen und üben muss, so wie Musik oder Malerei. Die meisten Menschen fragen sich, wie sie geliebt werden. Fromm fragt dagegen, wie wir selbst lieben lernen.
Echte Liebe hat für Fromm vier Grundelemente:
- Fürsorge: Wir kümmern uns aktiv um das Leben und Wachstum des anderen.
- Verantwortung: Wir sind bereit, auf die Bedürfnisse des anderen zu antworten.
- Achtung: Wir sehen den anderen, wie er ist, und lassen ihn sich frei entwickeln.
- Erkenntnis: Wir wollen den anderen wirklich verstehen.
Fromm unterscheidet verschiedene Formen der Liebe: Nächstenliebe, Mutterliebe, erotische Liebe, Selbstliebe und die Liebe zu Gott. Selbstliebe ist für ihn kein Egoismus. Im Gegenteil: Wer sich selbst nicht annehmen kann, kann auch andere nicht wirklich lieben. Bekannt ist auch sein Gedanke, dass unreife Liebe sinngemäß sagt „Ich liebe dich, weil ich dich brauche“, während reife Liebe sagt „Ich brauche dich, weil ich dich liebe“. Um die Kunst des Liebens zu lernen, braucht es nach Fromm Disziplin, Konzentration, Geduld und echtes Interesse.
Übrigens: Der polnische Film „Sztuka kochania“ von 2017, international „The Art of Loving“, hat nichts mit Fromm zu tun. Er erzählt die Geschichte der Sexualwissenschaftlerin Michalina Wisłocka, deren Ratgeber zufällig einen ähnlichen Titel trägt.
„Haben oder Sein“: zwei Arten zu leben
1976 erschien „Haben oder Sein“, Fromms zweites großes Erfolgsbuch. Er beschreibt darin zwei grundlegende Existenzweisen des Menschen:
- Die Existenzweise des Habens: Wir definieren uns über Besitz, Status, Wissen oder sogar über andere Menschen. Ich bin, was ich habe. Das macht abhängig und ängstlich, denn alles, was man hat, kann man verlieren.
- Die Existenzweise des Seins: Wir sind aktiv, neugierig, lebendig und mit anderen verbunden. Ich bin, was ich tue, erlebe und teile. Freude entsteht hier nicht durch Besitz, sondern durch Wachstum und Begegnung.
Fromm war überzeugt, dass unsere Konsumgesellschaft die Existenzweise des Habens fördert und dass dies sowohl die Menschen als auch die Umwelt krank macht. Damit nahm er viele Themen vorweg, die heute unter Stichworten wie Minimalismus, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit diskutiert werden.
Ein Hinweis, weil es oft verwechselt wird: Wenn du im Internet nach „haben oder sein“ suchst, landest du häufig bei Grammatikseiten zur Frage, ob ein Verb im Perfekt mit „haben“ oder „sein“ gebildet wird. Das hat mit Fromms Buch nichts zu tun.
Weitere wichtige Bücher
Neben seinen beiden Bestsellern schrieb Fromm viele weitere Werke, darunter „Psychoanalyse und Ethik“ (1947), „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ (1955), in dem er fragt, ob eine ganze Gesellschaft krank sein kann, und „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (1973) über die Ursachen von Gewalt und Grausamkeit. Seine gesammelten Werke sind auf Deutsch in einer Gesamtausgabe erschienen, die sein letzter Assistent Rainer Funk herausgegeben hat.
Bücher von Erich Fromm
Fromm als politischer Mensch
Fromm war nicht nur Theoretiker. Er engagierte sich in der Friedensbewegung, gründete 1957 die amerikanische Anti-Atomwaffen-Organisation SANE mit und setzte sich für einen menschlichen, demokratischen Sozialismus ein. Er war überzeugt, dass sich ein gutes Leben nur in einer gerechten Gesellschaft verwirklichen lässt.
Erich Fromms Erbe heute
Fromms Nachlass wird vom Erich-Fromm-Institut in Tübingen betreut, das von Rainer Funk gegründet wurde. Die Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft pflegt sein Werk und verleiht jedes Jahr den Erich-Fromm-Preis an Menschen, die sich im Sinne Fromms für Humanismus und gesellschaftliche Verantwortung einsetzen. 2024 erhielt ihn etwa der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Zahlreiche Schulen in Deutschland tragen Fromms Namen.
Kritik an Erich Fromm
Nicht alle teilen Fromms Ansichten. Seine früheren Kollegen der Frankfurter Schule warfen ihm vor, er habe die Psychoanalyse verwässert und Freuds Lehre zu sehr geglättet. Andere kritisieren, seine Bücher seien zu moralisch und zu idealistisch und seine Unterscheidung zwischen Haben und Sein zu schlicht für eine komplexe Wirklichkeit. Seine Anhänger halten dagegen, dass gerade die Verständlichkeit seiner Gedanken ihre Stärke ist.
Zitate von Erich Fromm
Fromm hat viele Gedanken formuliert, die heute als Zitate geteilt werden, etwa dass Liebe die einzige vernünftige und befriedigende Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz ist oder dass der Mensch die Aufgabe hat, sich selbst zur Geburt zu bringen. Da Fromm 1980 gestorben ist, sind seine Texte in Deutschland noch bis Ende 2050 urheberrechtlich geschützt. Wir geben seine Gedanken deshalb sinngemäß wieder.
Was du von Erich Fromm lernen kannst
- Liebe ist Übungssache. Warte nicht darauf, dass dich die Liebe findet. Übe Fürsorge, Achtung und echtes Interesse jeden Tag.
- Selbstliebe ist die Grundlage. Wer sich selbst annimmt, kann auch andere annehmen.
- Weniger haben, mehr sein. Frag dich, ob dich Besitz wirklich glücklicher macht oder ob es Erlebnisse, Beziehungen und Wachstum sind.
- Freiheit braucht Mut. Es ist bequem, anderen die Entscheidungen zu überlassen. Wirklich frei bist du, wenn du Verantwortung für dein Leben übernimmst.
Warum Erich Fromm ein echter Motivationsheld ist
Erich Fromm hat zwei Weltkriege, Verfolgung und Exil erlebt und trotzdem nie aufgehört, an die Fähigkeit des Menschen zur Liebe und zur Vernunft zu glauben. Seine Bücher sind eine Einladung, das eigene Leben ehrlich anzuschauen: Lebe ich, um zu haben, oder lebe ich, um zu sein? Wer sich diese Frage stellt, ist schon auf dem Weg zu einem erfüllteren Leben.




